Schreiben gegen Alzheimer?

In meinem letzten Blogartikel habe ich die „Morgenseiten“ vorgestellt. Jede Schreiberin wird ihre eigenen Gründe dafür haben, morgens nach dem Aufwachen zu notieren, was ist und was ansteht. Tut es nicht einfach gut? Auch aus diesem Grund tut es gut: Nicht bewältigte, verdrängte und versteckte Gefühle brauchen Kraft. Aber wir brauchen unsere Energie für das Wesentliche! Schreibend hast du eine Chance, diese Gefühle wahrzunehmen, mit ihnen umzugehen und die dahinter liegenden Probleme aufzulösen.

Für an Alzheimer erkrankte Menschen sind verdrängte, nicht aufgelöste Gefühle Stolpersteine: Die Psychologin und Gerontologin Naomi Feil hat mit ihrer ‚Validation‘-Methode einen Weg entdeckt, wie Pflegepersonal und Psychologen helfen können: nicht mit dem Weg der Psychoanalyse, sondern mit Empathie, Berührung und den richtigen Fragen, sodass immer wieder durchlebt werden kann, was ein Gefühl von Mangel hinterlassen hatte. Bis das Thema verarbeitet ist.

Wie meine Kollegin Johanna Vedral schreibt: Validation ist eine Methode, um Alzheimerpatienten und alten desorientierten Personen zu helfen, ihr Selbstwertgefühl wieder herzustellen, ihre Würde wieder zu erlangen und ihren Stress zu reduzieren und so ihren Lebensabend glücklich zu verbringen.  Naomi Feil: „Auch wie jemand gelebt hat, entscheidet darüber, wie er sich in der letzten Lebensphase fühlt. … Je offensiver jemand mit den Schicksalsschlägen in seinem Leben umgeht, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, eines Tages in einen Zustand der Desorientierung zu geraten.“

Wir sind noch jung – solange wir gesund und bei Bewusstsein sind erkennen wir, wie wir Quälendes schreibend und handelnd bewusst verändern können. So haben wir eine Chance, uns jetzt selbst zu helfen. Wer es nicht schafft, alleine die Morgenseiten zu schreiben, kann sich einen Schreibtherapeuten für Einzelsitzungen oder eine Schreibgruppe suchen. Garantiert: Auch da kommt das Unbewusste auf“s Papier. Schreiben entlastet und beflügelt.

Kompliment an Til Schweiger: Mit seinem Film „Honig im Kopf“ hat er es spätestens jetzt geschafft, sein Action-Held-oder-Looser-Lover-Image wesentlich zu erweitern. Mit Drehbuch, Produktion, Edition und als Schauspieler hat er einen Kultfilm und bestimmt auch Kassenschlager zu einem Thema geschaffen, das uns alle angeht. Botschaft ist, dass wir es Kindern abschauen können, wie wir über Empathie und Gefühl an Alzheimer erkrankten Menschen helfen können und dadurch sorgen für uns selbst. Mir hat der Film gut gefallen – wunderbar, wie Opa (Didi Hallervorden) in berührenden Szenen mit seiner Enkelin (Emma Schweiger) einen Blick auf sein Leben erlaubt und wir den Verlauf der Krankheit erleben können. Ein schweres Thema kunstvoll leicht gemacht… da verzeihe ich auch Momente, in denen der Film ein wenig zu sehr Richtung Rührseligkeit oder reiches Familienmilieu kippt.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter AKTUELLES

Eine Antwort zu “Schreiben gegen Alzheimer?

  1. Gabriele

    Ich bin begeistert von diesen wunderbaren Schreibinspirationen – danke! Freue mich auf mehr! Wohne leider nicht mehr in Berlin, würde sonst gerne mich vor Ort „beflügeln“ lassen!

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