Von der Notwendigkeit, in existentiellen Situationen gute Gespräche zu führen

Man kann es Moderatoren einer Lesung nicht verübeln, wenn sie nach der Biografie des Autors fragen. Professor Dr. Jalid Sehoulis berufliche Erfolgsgeschichte ist immer eine oder mehrere Fragen wert, auch wenn es viel zu kurz greift, Arzt und Autor auf eine wunderbare Migrationsgeschichte „vom Sohn der Analphabetin bis hin zum Klinikchef“ zu reduzieren.

 IMG_3009Fotos: M. Remus

In der Lesung am 10. April beim Traditions-Buchladen Leuenhagen-Paris in Hannover gab Jutta Rinas von der Hannoverschen Allgemeinen dank ihrer geschickt gestellten Fragen und der souveränen Auskunftsfreude des Autors den Besuchern der gut besuchten Veranstaltung die Möglichkeit, ein wenig hinter die Kulissen zu schauen. Warum dieses neue Buch, und -etwas überspitzt formuliert- warum konnte nur er es so schreiben?

 Es geht um die Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen mit dem starken Appell,  Ärzte und andere Botschaften-Überbringer besser auszubilden. An anderer Stelle habe ich es schon ausführlich besprochen.

 Das Buch und die Fragen, die sich daraus ergeben, wurden schon in vielen Medien aufgegriffen, dem Stern, der FAZ und auch bei Markus Lanz brillierte der Autor gestern abend. Jutta Rinas entlockte dem Autor, der seit einigen Jahren Ordinarius an der Charité ist, in einem langen Gespräch noch ein wenig mehr. Ihre Frage zwischen den Zeilen, ob die Motivation für das Buch auch aus seiner Kindheit stamme, schien Sehouli erst mit einem lakonischen „das ist eine Frage für einen Psychoanalytiker“ abperlen lassen zu wollen, aber dann ging er doch darauf ein.

 Sein beruflicher Weg war von denkbar schlechten Voraussetzungen geprägt: Aufgewachsen im Berliner Wedding – „aus meiner Straße machte sonst gar keiner Abitur“ – hatte er nach missglücktem Übergang von der Grundschule ins Gymnasium niemanden, der mit ihm mal das Gespräch führte in dieser entscheidenden Lebenssituation; das hat mich sehr beführt, denn auch ich drohte zu scheitern beim Übergang auf das Kurfürst-Friedrich – Gymnasium in Heidelberg, als das Urgestein der Schule, Lateinlehrerin „Fräulein Specht“, mit mir kurzen Prozess machen und mich auf die Realschule schicken wollte: Allein das Testat einer Psychologin genügte, mich zu retten, mir ein wenig Nachhilfe und Zeit zu geben, mich im Gymnasium einzuleben.

  Diese Chance hatte Jalid Sehouli nicht, seine Eltern kannten keine Psychologen, und hätten nie einer Lehrerin widersprochen. So musste er den harten Weg gehen: Zurück auf die Realschule – und von dort aus kämpfte er sich wieder zurück zu einer gymnasialen Bildung, ohne die er heute nicht Arzt wäre. Von der Kritik des Schulsystems zur Kritik an der Ausbildung von Medizinern – konstruktiv behebt er mit seinen Seminaren, was er kann, aber es bedarf einer noch größeren Bewegung anderer mutiger Ärzte.

So hat Sehouli schon in der Schule erfahren, wie das ist, wenn an einer Weggabelung keiner da ist, der ein hilfreiches Gespräch führt – ein starkes Motiv, es besser zu machen, seinen Patientinnen heute unterstützend und professionell zur Seite zu stehen, wenn er sie mit der schlechten Diagnose konfrontieren muss. Das ist meine Interpretation, aber es klangen in der Lesung viele Gründe an, warum es so überfällig ist, dass  ein Arzt und gerade dieser Arzt den Appell, dem Arzt-Patienten-Gespräch und lebenswichtig guter Kommunikation mehr Bedeutung zuzumessen, jetzt mutig und unkonventionell vertritt. Im Buch verbindet Jalid Sehouli hilfreiche Ratschläge mit berührenden und dramatischen Geschichten aus seiner Praxis.  

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