Was dem Leben Sinn gibt

Gestern war für mich ein besonderer Tag: Am Nachmittag konnte ich erleben, wie Frauen mit Krebserkrankung in unserem Charité-Schreibseminar aufblühten, als sie ihrer Kreativität über Geschichten und Gedichte Ausdruck verliehen; am Abend dann die Nähe spüren, die ein Publikum in einer berührenden Veranstaltung mit Musik und Gespräch entwickelt: Daniel Hope hatte im Konzerthaus Berlin Eckart von Hirschhausen in seiner Hope@9pm-Salon-Veranstaltung zu Gast.

In die Tiefe: Bilder im Kopf zaubern Geschichten auf’s Papier – der Stift in der Hand, das Schreiben führt zur Selbstwirksamkeitserfahrung

Im Charité-Schreibseminar geben wir immer Impulse – mal aus der Welt der Kunst oder der Musik, mal aus der Welt der Bücher. „In die Tiefe“ von Anna von Boetticher sollte im doppelten Wortsinn Assoziationen wecken. Die Autorin ist trotz einer Autoimmunerkrankung und einer kleinen Lunge Apnoemeisterin: Ohne Gerät taucht sie über 100 Meter tief, kommt ohne Sauerstoff 6 Minuten (!) aus. Darüber hinaus trainiert sie unter anderem Polizeitaucher: Es geht um Stressbewältigung in gefährlichen Situationen unter Wasser.

Ein wunderbares Buch für einen bibliotherapeutischen Ansatz, dem „Kreativen Lesen“, wie ich es nenne, bei dem sich Klienten schreibend zu dem Lesestoff in Bezug setzen: Mit nur einigen wenigen Absätzen aus unterschiedlichen Stellen im Buch gelang es, die Teilnehmerinnen im Schreibkurs zum Schreiben ihrer eigenen Herausforderungen und Bewältigungsstrategien zu animieren. Weg von der Angst, hin zu Ruhe und mentaler Stärke, dem Überwinden innerer Grenzen und dem Finden von Chancen, die in Krankheit und der Tiefe liegen.

Mit einem Pantoum, einer malaiischen Gedichtsform, die mit Wiederholungen einzelner Zeilen arbeitet, verdichteten wir die Erfahrung dieser beiden Stunden, in denen so viel Solidarität unter den Teilnehmerinnen spürbar war. Immer ergeben sich danach noch wertvolle Gespräche, die Hinweise geben, welche Themen sonst noch anstehen – Stoff für die nächsten Schreibseminare.

In die Tiefe: Humor und Musik berühren Menschen und die Erfahrung von Sinnhaftigkeit verankert sich

Wer nicht dabei war, hat ein Feuerwerk an Humor und schönen Momenten verpasst: Daniel Hope führte in seiner Moderation und mit den musikalischen Einlagen Eckart von Hirschhausen zu einer Tiefgründigkeit, wie sie eben nur live zu erspüren ist, wenn man nicht nur Worte, sondern Körpersprache, Musik und Emotion erlebt. Das ist eine Mischung, die es in sich hat, eine, die diese Veranstaltung auszeichnet, weil sie auch durch die Wahl des musikalischen Programms so meisterhaft rund wird – und in die Tiefe führt.

Viel Wissenswertes, viele Beispiele für den therapeutischen Einsatz der Musik erzählte Eckart von Hirschhausen: Sei es an der Charité auf der Frühgeborenenstation oder im Seniorenheim, wo Eckart von Hirschhausen eine schlagfertige ältere Dame zum Tanz bat – Musik bringt unser vegetatives System in den Takt und führt uns zum Flowerlebnis. Der „Soundtrack unseres Lebens“, also die Lieder und Musikstücke, die unser Leben bereichert haben, führen dazu, dass wir auch im Alter assoziativ erinnern, in welcher Situation wir waren, als wir diesen Song zum ersten Mal hörten. Das belebt! Besonders sinnvoll  daher die Arbeit von Organisationen wie Musik und Memory, die individuell Musik für das Erinnern zusammenstellen.

Nur zu verständlich die Klage, dass man ein so kostengünstiges Element wie einen Tanzkurs nicht selbstverständlich als Prävention vor Demenz einsetzt. Auch wir plädieren im Beitrag des rbb-Gesundheitsmagazins für den geförderten Schreibkurs, weil gerade Menschen mit Krebserkrankung oft nicht über gute finanzielle Möglichkeiten verfügen: Die Operation bei einem hochkarätigen Krebsspezialisten wie Prof. Jalid Sehouli mag das Leben der Patientin retten, aber danach geht es um längerfristige Lebensqualität. Daher engagiert sich die Stiftung Eierstockkrebs mit der Schreibtour auch dafür, dass das Gesundheitsfördernde Kreative Schreiben an Kliniken landet. Aber das genügt nicht: Es braucht Initiativen, die solche förderungswürdigen Projekte finanziell verstetigen, es normal machen, dass Menschen in Krankheit und Krise alle Möglichkeiten zur Verfügung stehen, die sie in so einem kritischen Lebensmoment benötigen. Und vielleicht gibt das Mäzenatentum ja auch dem Wohltäter Sinn…

Humor hilft heilen, dafür setzt sich Eckart von Hirschhausen mit seiner Stiftung schon lange ein. Das Humane soll Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern, die Stimmung in Krankenhäusern verbessern. Dazu gehört aus Sicht der Europäischen Künstlergilde für Medizin und Kultur, dass der Einsatz von Kreativtherapien selbstverständlich wird. Denn Musik, Sprache und Humor tragen nicht nur zum Wohlbefinden, sondern auch zum Lebenssinn bei. So wie das Duett von Daniel Hope und dem Nachwuchscellisten Yibai Chen, bei dem die Freude am gemeinsamen Musizieren so deutlich übersprang, und die hohe musikalische Kunst dem Publikum einen Lebensmoment schenkte, den man nicht vergisst und zu dem Gedanken führt: Für einen solchen Moment lohnt es, auf der Welt zu sein.

Einen Dank an Daniel Hope, dass er mit seinen Veranstaltungen, die u.a. das Erinnern und das durch Musik inspirierte Leben thematisieren, eine Bühne gibt.

Für eine der nächsten bibliotherapeutischen Sitzungen an der Charité werde ich Eckart von Hirschhausen Buch „Wunder wirken Wunder: Wie Medizin und Magie uns heilen“ auf die Stellen hin lesen, die magisch ins Schreiben führen – und vielleicht auch ein Wunder bewirken.

Susanne Diehm

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