Matthias Brandt bei Hope@9

In der letzten Veranstaltung in dieser Saison war Matthias Brandt am Samstag bei Daniel Hope zu Gast. Der renommierte Schauspieler, Hörbuchsprecher und Autor war im ausverkauften Werner-Otto-Saal des Berliner Konzerthauses erschienen, um im Veranstaltungsformat Hope@9 mit Stargeiger und Moderator Daniel Hope zu sprechen.

Die nachdenkliche Seite des Schauspielers zeigten schon die Fotos, die vor der Veranstaltung an beiden Seiten des Raums ineinander geblendet wurden. Darauf wirkt er ruhig, überlegt, introvertiert und doch zugewandt. Wie immer bei den Hope@9-Veranstaltungen führte zunächst Jacques Ammon mit einigen Klavierstücken den Salon und seine Besucher in die atmosphärische Einstimmung.  

„Er hat die vielen Preise verdient“

Meine Freunde kamen voller Erwartung mit in die Veranstaltung: „Matthias Brandt kann alles spielen, den Bösen, den Guten, auch den Liebhaber nimmt man ihm ab. Er hat die vielen Preise verdient!“ Zunächst spielt Daniel Hope  ein emotionalisierendes Violinstück von Tschaikowski zur Einstimmung. Viel Applaus, die Zuhörer sind aufgewärmt. Als der Schauspieler eintritt, ist der erste Eindruck: Matthias Brandt scheint ein sehr sympathischer, angenehm zurückhaltender Mann zu sein. Wenn er von sich sagt, der erste Schritt auf die Bühne koste ihn immer etwas Überwindung, dann glaube ich das, auch wenn man es ihm bei seinen Theaterauftritten nicht ansieht.

Was ist „echt“ und „wahr“?

Auch dafür ist so ein Salonabend da: Herausfinden, was man nicht sieht, wie vertraut die TV-Figuren von Matthias Brandt auch sein mögen. Es ist eine parasoziale Vertrautheit, gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Mit seinen uns so bekannt erscheinenden  Rollen schlüpft er in die deutschen Haushalte, wir meinen ihn zu kennen – aber er, der seine Rollen so wahrhaftig erarbeitet, kennt uns nicht. Vermutlich nicht einmal die junge Frau, mit der wir später ins Gespräch kommen: Sie ist ein echter Fan, hat innerhalb von 10 Jahren zwei Dutzend Theaterabende und Lesungen mit dem Schauspieler besucht und wird es nicht müde, zu seinen Auftritten zu reisen.

Was „echt“ ist und was schauspielerische Leistung, auch darum geht es in den Fragen, die Daniel Hope stellt; „Hast Du viel Wut in Dir?“ fragt er den Schauspieler nach einem Filmausschnitt, in dem der Protagonist, gespielt von Matthias Brandt, in seiner Filmrolle als Kommissar ausflippt einer augenscheinlich unfähigen Assistentin gegenüber, der er deutlich zeigt, wie wenig sie versteht; Matthias Brandt schmunzelt: „Echt ist nur das Adrenalin“, so sagt er: „Daran scheitern manche – das geht nicht weg, wenn die Kamera aus geschaltet wird. Wohin nach der Vorstellung mit dem, was man in der Rolle aufgerufen hat?“ Und nach einem Augenblick des Nachdenkens: „Ich trage alles in mir, was ich brauche, um meinen Job gut zu machen.“

Mit Worten Musik machen

Um Worte geht es, und um Musik; mit Worten könnte man auch Musik machen – paraphrasieren. Das sei dann vielleicht „Timing“, nicht Musikalität,  aber es sei ein musikalischer Vorgang, Sprache zu vermitteln.

 Anstatt uns zu verraten, welche Musik er hört, was vielleicht sein Vater oder seine Brüder gehört haben, erzählt er uns, dass er zur Einstimmung vor dem Auftritt eigens gewählte Musik höre, um sich emotional einzustimmen. Texte, die er spricht, schreibe er oft mit der Hand, weil das zu Langsamkeit beitrage;  man lese sie sonst viel zu schnell.

Musik habe eine Dimension, die Worte nicht ausdrücken könnten: daher beneideten viele Schauspieler Musiker darum. Musik sei auch für ihn so wichtig, sie ist „bedingungslos für mich da“. .

Ausgrenzung – damals wie heute

Oft treten bei Hope@9 die Gäste im Laufe des Abends dann selbst in musikalischer Form auf, singen (Dr. Eckart von Hirschhausen) oder greifen zur Violine (Sebastian Koch).  Matthias Brandt wollte lieber von sich zeigen, was er gut und quasi musikalisch kann, nämlich das Lesen. Eine Geschichte aus der Geschichtensammlung Raumpatrouille vorstellen; die Geschichte von Ansgar, dem Jungen, der zu Hause verprügelt wird und von seinen Schulkameraden gehänselt und misshandelt. Von der seltsamen Beziehung die der Ich-Erzähler mit Ansgar hat. „Wer einmal Ausgrenzung erlebt habe, insbesondere als Nachkomme eines Ausgebürgerten, der fühlt immer wieder mal etwas von dem Gefühl,  ausgeschlossen zu werden; das bleibt und setzt sich fest. Gute Gründe, sich immer wieder damit zu befassen und eine Art von Umgang damit zu finden, indem wir uns dem immer wieder stellen“, so meinte Matthias Brandt. Diese Anspielung bezog sich auf seinen Vater Willy Brandt, der vom nationalsozialistischen Deutschland 1938 ausgebürgert wurde und zunächst norwegischer Staatsbürger war; auf die Bedeutung der Erinnerung hatte auch Daniel Hope hingewiesen, als er einen Filmauschnitt aus Babylon Berlin zeigte. Dort spielt Matthias Brandt August Benda, den Chef der „Politischen Polizei“, einen pflichtbewussten Regierungsrat mit jüdischen Wurzeln, der tragisch endet.

Zwischen den Zeilen

Immer wieder gab es Momente in der Interviewsituation der beiden Männer auf der Salonbühne, in denen man das Gefühl hatte, hier steht etwas zwischen den Zeilen;  aber was das sein könne, das muss der Zuhörer selbst herausfinden. Das darf da so stehen bleiben, ist nicht die die Aufgabe des Interviewenden, an der Stelle, wo der Schauspieler so deutlich die Grenze zieht, nachzufordern. Gerade diese etwas offenen Situationen machten das Interview spannend und ließen den Schauspieler Matthias Brandt weiterhin geheimnisvoll erscheinen.

Mut für die Fremde

Daniel Hope antwortete auf Matthias Brandt Geschichte von Ansgar mit einem Lied von Kurt Weill, das dieser geschrieben hatte, als er nach Amerika emigrierte. Septembersong, so heißt es. Ursprünglich ein Stück für Klavier, aber Daniel Hope wollte es, so sagte er, schon immer mal für die Violine umarbeiten. Herausgefordert vom Wort des Fremdseins, antwortete er mit dieser Musik, die den Lebensmut Kurt Weills zeigt, der sich zurechtfinden musste in der Fremde.

Nach der Saison ist vor der Saison

Es ist ein Kennzeichen von Hope@9, immer einen Nachwuchskünstler am Abend zu präsentieren. Entdeckung des Abends war die Nachwuchskünstlerin Aliya Vodovozova, die aus Russland stammt. Mit der Querflöte trug sie ein Tschaikowsky-Stück aus Eugen Onegin vor; es war wie ein Tanz, wie nach all den Worten Musik und Bewegung verschmolzen. Ein sehr gelungener Abend. Wir freuen uns, dass dieses wunderbare Format aus Wort und Musik Hope@9 weitergeführt wird. Das neue Buch von Matthias Brandt heißt „Blackbird“ und erscheint am 22.8.2019.

https://www.konzerthaus.de/de/programm/hope9pm-musik-und-talk/4883

Susanne Diehm

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