Musik, die belebt und heilt

Avi Avital & Omer Klein

Sommerprogramm – auf dem Weg zu einem fulminanten Musikerlebnis im Schlosspark Neuhardenberg

Gestern, Sommerprogramm im Schloß Neuhardenberg. Es sollte ein fröhlicher Ausflug mit Kunstgenuss werden, aber dann verstarb vor wenigen Tagen die fast 100-jährige Mutter meiner begleitenden Freundin. Sie zögerte, mitzukommen. So lange hatte sie die Mutter versorgt, behütet und gepflegt. Ich bot ihr an, die Entscheidung, ob sie jetzt zu einem Konzert in der Lage sei, aufheben bis am Tag selbst. Sie kam mit – und sie hat es nicht bereut.

Das Duo

Avi Avital, Mandoline
Omer Klein, Klavier

überraschte zunächst mit der eigenen Musik, deren Stücke mir vorkamen, als würden sie einen Film heraufbeschwören. Wenn ich mich auf das Hören konzentrierte, konnte ich Bilder sehen, vielleicht Bilder aus Israel, so wie ich es mir vorstelle. Mit Wüstensand,Frauen und Männern, die hart ihre Region umkämpfen, aber auch zum Feiern, Lachen und Lieben aufgelegt sind. Mandolinen- und Klavierklänge aus dem Kibbuz, in atemberaubender Agilität gespielt.

Musik, die keine Genre-Aufteilung braucht

Mit einer Anekdote leitete Avi Avital zum nächsten Teil ein: Sein künstlerischer Begleiter Omer, selbst weltberühmt für seinen Jazz, der mit eigenen Kompositionen in neue Dimensionen führt und er, Avi, hätten sich in Berlin in einem Studio eingemietet, um ein Konzert zu erarbeiten. Avi Avital, dessen Klassikadaptionen für die Mandoline musikalische Genres wie Barockmusik und zeitgenössische Klassik umspannen,  und Omer Klein wollten sich auf einen Dialog ihrer Genres einlassen. Schnell merkten sie, dass sie im jeweiligen Gebiet des anderen unsicher waren. Dem einen gaben aufgeschriebene Noten Halt, für den anderen waren sie eine mögliche Quelle von Fehlern… Das Beispiel zeigt, dass diese beiden Künstler an ihren jeweiligen Hochschulen noch keine genreübergreifenden Experimente kennengelernt hatten, sondern erst in der Praxis miteinander diese besondere Art des Musizierens im Duett entstanden ist.

Ein Duett, das zum Dialog wird

So leiteten sie eine neue Form des Zusammenspiels ein: erst die Mandoline mit Bach (Johann Sebastian Bach, Partita Nr. 2, BWV 1004, Transkription für Mandoline), dann nach jedem Satz das Klavier, das quasi kommentiert. Mal das Gehörte aufnimmt, mal verändert und mit eigenen Gedanken daherkommt. Beim ersten Satz noch ungewohnt, danach ein Dialog, der begeisterte. Zeitweise hörte es sich fast an wie ein Gespräch zwischen dem strukturierenden Vater (=Bach) und dem sich frei spielenden Sohn (Klein) …

Mit den letzten Musikstücken kehrten die beiden Künstler wieder ihre lebensfrohe Seite hervor, mit „Jemen“, einer Komposition von Omer Klein, beendeten sie ihr fulminantes Spiel.

Auf dem Heimweg ging es meiner Freundin schon viel besser; das Konzerterlebnis hatte sie wieder dem Leben geöffnet.

Susanne Diehm

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