Monatsarchiv: April 2018

Bauchgefühle – eine Schwäche?

In den 80ern setze man in der von Männern dominierten Chefetage des global wirkenden Unternehmens, in dem ich arbeitete, nur im Marketing der Produkte mit emotionalisierenden Werbefilmen auf Gefühle; bei meinem Personalleiter machte man sich damit verdächtig: „Frau Diehm, Sie reagieren wieder emotional!“ wurde mir vorgeworfen, wenn mir die Gesichtszüge entglitten; ich fand als Kommunikationsberaterin der Geschäftsleitung zum Beispiel  nicht so toll, wenn zu Sparmaßnahmen und Verständnis für Einkommenseinbußen bei den Mitarbeitern geworben und gleichzeitig entschieden wurde, dass der Chef im neuen Firmen-Porsche vorfahren könne. Gefühle nicht nur zu haben, sondern auch zu zeigen, wurde als Schwäche interpretiert; paradoxerweise jedoch nutzte der damalige Personalleiter meine Schwäche, wenn es darum ging, seismographisch mögliche Reaktionen von Mitarbeitern vorherzusehen.

Damals war ich leider noch nicht so weit, selbstbewusst zu argumentieren, dass alle Menschen (also nicht nur die mit Gebärmutter) mit Kopf und Bauch entscheiden; sie sich etwas vormachen, wenn sie glauben, dass ihre Entscheidungen rein rational begründet sind.

„Das Geheimnis kluger Entscheidungen – Von Bauchgefühl und Körperentscheidungen

Dieses Buch von Maja Storch ist in 2017 in der 10. Auflage bei Piper zu finden in der erweiterten Neuausgabe.

„Körpersignale sind für kluge Entscheidungen unentbehrlich“ so schreibt Dr. Storch, die wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Selbstmanagement und Motivation Zürich.

Wie wir im Alltag Entscheidungen besser treffen können, indem wir Intuition und Gefühl integrieren, darum geht es im Buch. Die Autorin stützt sich auf Gehirnforscher Damasio und Roth, schreibt verständlich und unterhaltsam, die kleinen Zeichnungen verdeutlichen noch auf einer anderen Ebene, wie wir somatische Marker einsetzen können: „Psychisches Wohlbehagen entsteht, wenn die Bewertung aus dem emotionalen Erfahrungsgedächtnis – die unbewusste Bewertung – und die Analyse des Verstandes – die bewusste Bewertung – zu übereinstimmenden Ergebnissen kommen.“ Das Zusammenspiel wird besonders interessant, wenn es um Motivation geht: Wie bringe ich als Jugendlicher den Wunsch, meine Ausbildung erfolgreich abzuschließen, und das Unwohlsein, früh aufstehen zu müssen, in Einklang, sodass ich mich tatsächlich motiviert auf den Weg mache? Aufstehen oder Liegenbleiben?

Erst Wörtertausch, dann mit einer Erzählung festigen  – das wirkt

Im Buch werden auch bei Entscheidungen dieser Art mehrere Methoden angeboten. Da wir  schreibtherapeutisch auch mit Jugendlichen in der Ausbildung arbeiten, führen wir eine der  Methoden, die  des  „Wörtertausches“ weiter, indem wir die Jugendlichen bitten, eine Geschichte zu schreiben. Sie nutzen also nicht nur Worte, die Vorstellungsbilder erzeugen (z.B. statt „Angst“ das Wort „Mut“, wenn es um Mobbing in der Schule geht), sondern wir nutzen narrative Techniken, indem wir -in diesem Fall- zum Beispiel eine Mutmachgeschichte schreiben lassen, in der sie selbst ihre Angst überwinden und sich einmischen, sagen was sie denken. Das Ganze im Präsens, so, als ob es sich gerade abspielt. Das macht sich als Bild fest, das wirkt dann später auch wieder von innen heraus als unbewusste und später bewusste Steuerung des Verhaltens.

Zu Beginn nicht einfach, weil viele Jugendliche erst lernen müssen, ihre Gefühle überhaupt zu differenzieren und in Worte oder Bilder zu fassen… aber genau das hilft ihnen in Beruf und Privatleben ungemein.

 

 

 

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Schreiben bei Krebs: Einblicke in unsere Schreibgruppe an der Charité

Hallo,

ich bin Bea. Beatrice, meine Eltern kommen aus Italien. Ich bin Mitte Dreißig, und ich hatte Eierstockkrebs, das ist eine tückische Krankheit, die meist viel zu spät erkannt wird. So lebe ich drei Jahre nach der Operation in der Hoffnung, dass es nicht zu einem Rezidiv, -einem Rückfall- kommt und mir mein Arzt dann sagen muss, dass ich unheilbar bin. Ich will alles tun, damit das nicht passiert – und gleichzeitig lernen, beim möglichen Wiederauftreten der Krankheit so gelassen zu sein, damit auch bis zum letzten Atemzug gut umzugehen. Das ist einer der  Gründe für mich, in die Schreibgruppe an der Charité zu gehen: Selbstfürsorge. Die Zeit dort tut mir gut – ich fühle mich endlich nicht mehr nur als Krebspatientin, sondern als eine Frau, die alles Mögliche ist: Sportlerin, Partnerin, Freundin, Tante, – und ganz nebenbei eine Frau, die mit einer Diagnose konfrontiert wurde, von der sie nie geträumt hätte, sie mal übermittelt zu bekommen.

Neulich habe ich mir überlegt, warum ich so gerne in diese Schreibgruppe gehe, obwohl dort auch Frauen sind, bei denen ein Rezidiv aufgetreten ist und die nun gesagt bekommen haben, dass sie nach menschlichem Ermessen nicht geheilt werden können. Müsste ich den Kontakt nicht scheuen, dankbar sein, zumindest vorläufig ‚davon gekommen‘ zu sein? Seltsamerweise ist das nicht so, ich laufe nicht weg. Das habe ich gelernt: Es bringt nichts, wegzulaufen vor Problemen oder unangenehmen Lebenstatsachen. Im Gegenteil: Ich bewundere diese Frauen, die -zumindest in diesen zwei Stunden in denen das Schreibseminar stattfindet- so souverän mit ihrer Krankheit umgehen. Da zehre ich davon, das sind mir Vorbilder, obwohl mir bei manchen Geschichten fast die Tränen kommen.

Wir schreiben aber beileibe nicht nur über die Krankheit oder erstellen „Bucket-Listen“, auf denen steht, was es noch zu erledigen gilt, bevor wir alle tot umfallen. Nee, so läuft das nicht.  Es geht eher um… aber vielleicht schildere ich einfach mal, wie es abläuft, diese Zeit, die wir uns ganz bewusst gönnen. 

Wir haben den ‚Malraum‘ in der Frauenklinik für uns. Das ist ein schöner Raum mit Blick ins Grüne, das Krankenhaus mit seinen Gerüchen nach Desinfektionsmittel, in manchen Bereichen auch Lavendel,  ist ausgeschlossen, wenn alle da sind und die Tür sich schließt. Unsere Schreibgruppenleiterinnen Jutta und Susanne haben uns immer ‚etwas mitgebracht‘. So empfinde ich es , wenn ich bunte Schreibanregungen, Bilder, Bücher auf dem Tisch sehe. Immer auch eine zusätzliche Anregung, die ich nach Hause nehmen kann. Sie haben gerade gemeinsam mit Professor Sehouli ein Buch veröffentlicht, ‚Mit Schreiben zur Lebenskraft‘. Das lag da schon, es ist ein Übungsbuch, und ich freue mich darauf, es am 13. Mai beim Kongress ‚Schreiben gegen Krebs‘ kostenlos zu erhalten – als Patientin der Frauenklinik bekomme ich es, die Stiftung Eierstockkrebs hat es gesponsert. Geblättert habe ich schon darin, einige der Übungen kamen mir vertraut vor, aber andere kannte ich noch gar nicht. Ich bin gespannt, ob ich da auch erreichen kann, was mir hier so oft passiert: Ich verfalle in einen Schreibflow, schreibe total selbstvergessen, so wie jetzt hier, einfach Gedankenfetzen, die mir durch den Kopf ziehen halte ich fest – unglaublich, was da in so kurzer Zeit auf das Papier kommt. Am Anfang hatte ich Angst, ich war im Deutschunterricht immer schlecht gewesen, immer gab es was zu mäkeln. Aber hier geht es ja nicht darum, einen Essay formgerecht auf das Papier zu bringen, wir schreiben kreativ, und meinen Gefühlen nach zu schließen, wenn ich nach Hause gehe, ist das Ganze tatsächlich gesundheitsfördernd. Meine kleine Hemmung zu Beginn hab ich spätestens dann überwunden, wenn alle Stifte auf dem Papier kratzen und ich automatisch auch anfange, irgendwas zu schreiben – ganz im Vertrauen darauf, dass mein Erfahrungswissen mir schon etwas einflüstern wird, dass ich gar nicht beginnen muss zu denken, sondern fühlen und erinnern darf und das in Worte übersetze was da aus mir sprudelt wie ein unversiegbarer Quell. Wie kommt das nur, dass ich müde ankomme und nach zwei Stunden beschwingt das Haus verlasse?

Es liegt zum Einen an der Atmosphäre: Zugewandte Teilnehmerinnen und zwei Schreibtrainerinnen, die  einen Uniabschluss haben im Biografischen und Kreativen Schreiben, aber auch Ahnung von Therapie. Vor allem wissen sie, wie man eine gute Energie erzeugt. Sind total unterschiedlich, die eine eher diszipliniert und energisch, die andere eher mütterlich-duldsam – in der Mischung einfach ein perfektes Team! Sie geben mir das Gefühl, dass sie auf mich aufpassen, wenn ich dort bin, dass sie da sind, falls beim Schreiben etwas hochkommt, das mich ängstigt oder mich traurig macht.

Zu Beginn, als ich mich zum Schreiben dieses Artikels hingesetzt hatte, wollte ich  schreibend Vermutungen darüber anstellen, wie das kommt, dass Kreative Therapien uns gut tun, aber jetzt bin ich schon wieder abgeschweift, immer noch Chemo-Brain? Also nochmal ein Versuch:

Warum hat das Schreiben, das sich ausdrücken, so eine heilende Kraft?

Ich bin ja Sportlerin, und wenn ich ordentlich in Bewegung war, dann wird mein Körper von Endorphinen geflutet. Ähnlich ist es auch, wenn ich in Schreibflow gerate, mit allen Sinnen eine Erinnerung aufschreibe, stolz darauf bin, wie ich in der Vergangenheit eine Krise bewältigt habe, im Präsens eine Szene aufschreibe, die erst noch kommt, aber in der ich mich gesund und munter sehe. Ich vermute ja, mit ihren Schreibimpulsen manipulieren sie  uns, den Blick auf das zu lenken, was noch möglich ist, die kleinen Glücksgefühle wahrzunehmen und nicht nur das große Schlamassel. Wobei wir hier auch mal ein Wut-Gedicht schreiben oder ein Manifest, oder… ja, es sind jede Menge Techniken und Methoden, die uns in der Schreibgruppe immer wieder überraschen. Das Neue lockt, es führt uns in die Kreativität, und wenn ich mich dann im Flow befinde – ich glaube, dass dann ein Hormoncocktail ähnlich wie beim Sport sich über meinen Körper ergießt… das hält eine ganze Weile an, manchmal habe ich sogar die Vorstellung, dass ich dieses Gefühl erzeugen kann, selbst wenn ich nicht schreibe, sondern nur so vor mich hindöse… Alphawellen vielleicht? und schreibend komme ich an mein Erfahrungs-Bewusstsein, all das, was meine Körperzellen als Erinnerung gespeichert haben, Dinge, an die ich mit dem denkenden Bewusstsein nicht mehr herankomme… Grenzbereiche, die ich ins Bewusstsein hole, indem ich schreibe.

 Was macht das Schreiben mit mir?

Ich werde wieder Ich, und bin nicht nur eine ‚Krebspatientin‘.

Ich spüre meine Problemlösungs-Kompetenz, auch bei schwierigen Themen: Stift rausholen, drüber schreiben, und schon gibt es eine Lösung

Ich stehe zu meinen Gefühlen, finde meine innere Stärke und baue eine neue Kraft und Verbindung zu anderen Menschen auf.

Ich entdecke mich im Dialog, ich spreche wieder freundlicher mit mir. Wenn mal keiner da ist: Ich bin nicht einsam, schließlich hab ich mich…

 Und ich freue mich schon auf die nächste Schreibstunde, das Schreibseminar, in dem ich meine Texte teilen kann… und aufmerksame Zuhörer finde… denn das ist noch einmal ein besonderer Moment. Vielleicht sogar ein Grund, auch darüber einmal zu schreiben!

Eure Bea

 

 

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Dialog im Krankenhaus

Wie schlechte Nachrichten besser überbracht und wie Dialoge auch im Krankenhaus geübt werden können, lesen Sie hier:

https://www.reliaslearning.de/blog/schlechte-nachrichten-überbringen

 Beste Grüße,

 Sudi vom Team Sudijumi

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Von der Notwendigkeit, in existentiellen Situationen gute Gespräche zu führen

Man kann es Moderatoren einer Lesung nicht verübeln, wenn sie nach der Biografie des Autors fragen. Professor Dr. Jalid Sehoulis berufliche Erfolgsgeschichte ist immer eine oder mehrere Fragen wert, auch wenn es viel zu kurz greift, Arzt und Autor auf eine wunderbare Migrationsgeschichte „vom Sohn der Analphabetin bis hin zum Klinikchef“ zu reduzieren.

 IMG_3009Fotos: M. Remus

In der Lesung am 10. April beim Traditions-Buchladen Leuenhagen-Paris in Hannover gab Jutta Rinas von der Hannoverschen Allgemeinen dank ihrer geschickt gestellten Fragen und der souveränen Auskunftsfreude des Autors den Besuchern der gut besuchten Veranstaltung die Möglichkeit, ein wenig hinter die Kulissen zu schauen. Warum dieses neue Buch, und -etwas überspitzt formuliert- warum konnte nur er es so schreiben?

 Es geht um die Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen mit dem starken Appell,  Ärzte und andere Botschaften-Überbringer besser auszubilden. An anderer Stelle habe ich es schon ausführlich besprochen.

 Das Buch und die Fragen, die sich daraus ergeben, wurden schon in vielen Medien aufgegriffen, dem Stern, der FAZ und auch bei Markus Lanz brillierte der Autor gestern abend. Jutta Rinas entlockte dem Autor, der seit einigen Jahren Ordinarius an der Charité ist, in einem langen Gespräch noch ein wenig mehr. Ihre Frage zwischen den Zeilen, ob die Motivation für das Buch auch aus seiner Kindheit stamme, schien Sehouli erst mit einem lakonischen „das ist eine Frage für einen Psychoanalytiker“ abperlen lassen zu wollen, aber dann ging er doch darauf ein.

 Sein beruflicher Weg war von denkbar schlechten Voraussetzungen geprägt: Aufgewachsen im Berliner Wedding – „aus meiner Straße machte sonst gar keiner Abitur“ – hatte er nach missglücktem Übergang von der Grundschule ins Gymnasium niemanden, der mit ihm mal das Gespräch führte in dieser entscheidenden Lebenssituation; das hat mich sehr beführt, denn auch ich drohte zu scheitern beim Übergang auf das Kurfürst-Friedrich – Gymnasium in Heidelberg, als das Urgestein der Schule, Lateinlehrerin „Fräulein Specht“, mit mir kurzen Prozess machen und mich auf die Realschule schicken wollte: Allein das Testat einer Psychologin genügte, mich zu retten, mir ein wenig Nachhilfe und Zeit zu geben, mich im Gymnasium einzuleben.

  Diese Chance hatte Jalid Sehouli nicht, seine Eltern kannten keine Psychologen, und hätten nie einer Lehrerin widersprochen. So musste er den harten Weg gehen: Zurück auf die Realschule – und von dort aus kämpfte er sich wieder zurück zu einer gymnasialen Bildung, ohne die er heute nicht Arzt wäre. Von der Kritik des Schulsystems zur Kritik an der Ausbildung von Medizinern – konstruktiv behebt er mit seinen Seminaren, was er kann, aber es bedarf einer noch größeren Bewegung anderer mutiger Ärzte.

So hat Sehouli schon in der Schule erfahren, wie das ist, wenn an einer Weggabelung keiner da ist, der ein hilfreiches Gespräch führt – ein starkes Motiv, es besser zu machen, seinen Patientinnen heute unterstützend und professionell zur Seite zu stehen, wenn er sie mit der schlechten Diagnose konfrontieren muss. Das ist meine Interpretation, aber es klangen in der Lesung viele Gründe an, warum es so überfällig ist, dass  ein Arzt und gerade dieser Arzt den Appell, dem Arzt-Patienten-Gespräch und lebenswichtig guter Kommunikation mehr Bedeutung zuzumessen, jetzt mutig und unkonventionell vertritt. Im Buch verbindet Jalid Sehouli hilfreiche Ratschläge mit berührenden und dramatischen Geschichten aus seiner Praxis.  

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Mit Schreiben zur Lebenskraft

Mit Schreiben zur Lebenskraft

Hurra, unsere ersten fünf Buch-Belegexemplare, frisch aus der Druckerei des Kösel-Verlags  – wir freuen uns sehr, dass das Übungsbuch für Patientinnen mit Krebserkrankung nun fertig ist!

Es war ein Vergnügen, gemeinsam mit meiner Teamkollegin Jutta Michaud, Professor Jalid Sehouli und Dr. Adak Pirmorady daran zu arbeiten. Das Buch wird am 13. Mai beim Kongress mit dem Titel „Schreiben gegen Krebs“ der Stiftung Eierstockkrebs vorgestellt werden. Die ersten Exemplare sind Patientinnen vorbehalten, im Buchhandel erscheint unser Buch erst Beginn 2019. Wer bei uns eine Weiterbildung zum Gesundheits-fördernden Kreativen Schreiben bucht, bekommt es natürlich auch… wir freuen uns, dass immer mehr Therapeuten und Coaches sich bei uns im Gesundheitsfördernden Kreativen Schreiben ausbilden lassen und hoffen, dass andere Kliniken und Rehas dem Beispiel der Charité folgen und für Patienten Schreibworkshops anbieten werden. Federführend bei diesem Projekt Professor Dr Sehouli, dessen Buch  zur Verbesserung der Arzt-Patienten-Kommunikation gerade viel Aufmerksamkeit erhält.

Im Auftrag der Stiftung Eierstockkrebs werden wir noch in diesem Jahr Lesungen in Form von Mitmach-Schreibcafés in 10 Städten Deutschlands/Österreichs/der Schweiz halten, die Termine folgen alsbald. Unsere Hoffnung und Erfahrung ist, dass Menschen mit Erkrankung davon profitieren, wenn sie schreiben und die Übungen des Gesundheitsfördernden Kreativen Schreibens ausführen – genau wie Menschen, die  von Anfang an gesund bleiben wollen. Und Spaß bringt es ohnehin, mit dem Stift in der Hand die Zügel des eigenen Lebens wieder aufzunehmen, der Fantasie die Erlaubnis zum Spielen zu geben und einem Publikum vorzustellen, was man zu sagen hat. So wie all die Frauen (und einige Männer), die Texte zum Literaturwettbewerb der Stiftung eingereicht haben, ihre Stimme erheben.

 

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Wer Mut hat, zeigt anderen, wie es geht

 

Die Deutsche Stiftung Eierstockkrebs und die DIWA-Community  haben zu einem Literatur-Wettbewerb aufgerufen. Einsendeschluss: 15. April 2018. Das ist schon bald – daher wollen wir uns heute mit der Frage beschäftigen: Wie schreibt man eine authentische Geschichte, die Mut macht und gerne gelesen wird?

 Authentische Texte zu allen Bereichen des Lebens, die direkt oder indirekt das Thema Eierstockkrebs, Leben oder Lebensfreude berühren, sind gefragt. Egal aus welcher Perspektive: Ob Betroffene/ Patientin, Angehörige, Freunde, Therapeuten oder einfach Beobachter. Der Aufruf ist offen und richtet sich an literarisch Versierte genau wie an jeden, der sich für die Thematik interessiert. Es geht um die Gefühle und Gedanken, die der Text erweckt und dessen Potential, Dialoge mit sich selbst und anderen Menschen zu provozieren.

Jeder Mensch kann schreiben und jeder Text hat seine Berechtigung – manchmal bleibt es bei einem hilfreichen Erlebnisbericht und manchmal entsteht dabei auch Literatur.  Alles darf, alles kann sein. So steht es in der Ausschreibung! Wenn Sie Ihren Text vor dem 15.4.2018 an diese Adresse schicken, presse@stiftung-eierstockkrebs.de, dann haben Sie als Shortlist-Kandidat die Chance, dass Ihr Text in einer Anthologie veröffentlicht wird, die bei einem renommierten Verlag erscheint. Die beste Belohnung ist ohnehin, geschrieben zu haben und den eigenen Text in der Hand zu halten!

Es führen viele Wege nach Rom, natürlich kann man  einfach drauf los schreiben, dabei können wunderbare Geschichten entstehen. Ich zeige Ihnen heute einen Weg, der ziemlich gut in die Tiefe führt, und hervorkitzelt, was echte Helden ausmacht. Eine Vorgehensweise, die wir auch im Schreibseminar an der Charité ausprobiert haben und die zu sehr berührenden Geschichten führte. Wer mag, kann Schritt um Schritt ausprobieren.

Mutmach-Geschichten schreiben

Woran denken Sie, wenn Sie ‚Mutmachgeschichte“ hören? Vielleicht sammeln Sie einfach mal Assoziationen.

Vorübung

Vervollständigen Sie den Satz:

„Wenn ich an „mutig!“ denke, dann fällt mir ein…“

Weiter  gehen wir analog zur „Writers Tooolbox“ vor, da geht es um den Protagonisten, seine Ziele, die Widerstände, die er überwinden muss und wie er in Aktion tritt; Sie brauchen die Box nicht, das ist nur ein Tipp für andere Schreibanlässe; aber für einen Plot, den Handlungsablauf einer Geschichte können Sie sich an diesem Muster entlang hangeln, das geht nicht nur bei Literarischem, sondern auch Gesundheitsförderndem Kreativen Schreiben übersetzt.

Zuerst brauchen wir den Protagonisten, um den es hauptsächlich geht.

Welche Menschen kennen wir, die Krisen vorbildhaft und mutig überstanden haben? Oder noch dabei sind, sich durch schwere Zeit zu arbeiten, und die uns dabei erstaunen mit ihrem Lebensmut?

Ist es jemand anderes, über den ich schreiben möchte, oder bin ich es selbst? Schreibe ich über jemanden Fremdes, oder Bekanntes? Bleibe ich bei der Wahrheit, oder will ich Literarisieren und verfremden?

1.) Listen Sie Menschen, die Ihnen als Mutmacher einfallen, und welche Ressourcen sie haben; gerne in Form eines Clusters im Sinne des Kreativen Schreibens

 Um es einfach zu halten: Sammeln Sie Ihre Ideen wie auf den Stacheln eines Igels, in dessen Mitte „Mutmacher“ als Thema steht:

z.B. Rosemarie, die trotz oder gerade wegen ihrer Krebserkrankung wunderbare Geschichten schrieb und alle damit verzauberte

Hinter Rosemarie können Sie dann „Schreiben als Ressource“ notieren, wie auch bei anderen Namen, die Ihnen einfallen

2.) Wählen Sie eine Person aus und beschreiben Sie mittels seriellem Schreiben, in 5-10 Sätzen, was diese Person ausmacht.

Beim Seriellen Schreiben beginnen Sie immer mit dem gleichen Halbsatz, kürzen nicht ab, setzen den Stift nicht ab sondern schreiben einfach flüssig vor sich hin, was Ihnen in den Kopf springt. Ohne Zensur, ob das jetzt relevant für die Geschichte ist oder nicht.

Meine Heldin ist eine Frau, die… wie Rosemarie immer eine besondere Ausstrahlung hatte, wenn sie beim anthroposophischen Verband auftauchte, wo wir Schreibtermin hatten, sie mit diesem vergnügten Lächeln auf den Lippen in die Runde blickte und auch anderen gute Laune machte

Meine Heldin ist eine Frau, die… toll vorlesen konnte, ganz bewusst als Letzte, mit ihrer leisen, aber ausdrucksvollen Stimme; sie hatte das Vorlesen oft vor ihren Nichten und Neffen geübt

Meine Heldin ist eine Frau, die… uns verblüffte, als sie eines Abends sagte: „Na und – vielleicht werde ich sterben. Vielleicht ist es auch gar nicht so schlimm. Jedenfalls bin ich jetzt hier und genieße jeden Augenblick“.

usw. 

3.) Jetzt wählen Sie aus und beschreiben eine dieser Szenen mit allen Sinnen – im Präsens, das ist wichtig!

 „Alle Schreibgruppenteilnehmer sind schon gegangen, nur Rosemarie wartet mit uns, dass wir die Rolläden geschlossen haben, die Unterlagen sortiert, das Licht ausgemacht und uns über den Hofeingang aus den Räumen des anthroposophischen Verbands zurückziehen. Es ist April, draußen blühen schon die Frühblütler, Birkenduft steigt mir in die Nase und ich höre das Zwitschern einer aufgescheuchten Amsel. Rosemarie dreht sich zu, mir schaut mir in die Augen und sagt: „…“

Damit haben Sie die Anfangsszene/ eine der ersten Szenen Ihrer Erzählung. Schreiben Sie sich warm damit, schreiben Sie Rosemaries Ziele mit hinein, was ist ihr größter Wunsch? Wann war sie auch einmal ratlos, hilflos, wusste nicht weiter?

4.) Leitende Fragen, Story Questions können helfen – Ziele und Widerstände ansprechen

Jetzt umrahmen und umranden Sie die erste Szene, die Sie schon haben. Worum geht es in dieser Geschichte? Was steht für die Protagonistin auf dem Spiel? Wie ist sie in diese schwierige Situation geraten, und wie wird sie wieder herausfinden? Was hat sie daraus gelernt? Welche Widerstände und Probleme muss die Protagonistin überwinden? Was oder wer hilft ihr dabei? Das können auch immaterielle Dinge sein, der Glaube an etwas… Was ist die ‚Moral von der Geschichte‘, was gibt sie den Lesern mit auf den Weg?

Für Rosemaries Geschichte  könnte das (verkürzt) heißen:

„Rosemarie hatte Eierstockkrebs und der Krebs war sehr spät erkannt worden. (Schildern ihres Ärzte- und Behandlungsmarathons). Es ging um ihr Leben, sie wollte kämpfen. Erst als sie sich damit abgefunden hatte, dass sie sterben könnte, fand sie die Gelassenheit, jeden Tag zu genießen und das Wesentliche zu leben. Schreiben von Gedichten und Geschichten beruhigte sie, half ihr, konstruktiv mit der Erkrankung umzugehen. Ich erinnere gerne, wie sie trotz oder gerade mit ihrer Krankheit das Glück des Augenblicks zu fühlen  verstand, Vitalität und Lebensfreude versprühte und miteinander teilte, den Blick weg vom Mangel hin zur Fülle wendete.

Ein wunderbares Beispiel dafür ist, ….“

 5.) Checkliste für eine Mutmachgeschichte/Überarbeitung

Gehen Sie anhand dieser Checkliste noch einmal durch, ob Sie die „Heldenreise“ dem in uns eingebauten Storytelling-Erwartungsmuster nach geschrieben haben:

Ausgangssituation: Protagonisten vorstellen, mit allen Sinnen beschreiben

Problem taucht auf: In welcher Krise befindet sich der Protagonist?

Heldin ist ratlos, hilflos, weiß nicht weiter

Unerwartete Helfer erscheinen; Ressourcen, magische Gegenstände, der Glaube an etwas, ein Arzt, eine Info)

Problem wird gelöst (auch eine Haltungsveränderung kann ein Problem lösen)

Heldin kehrt heim, der Zustand  ist jetzt besser als zu Beginn

Und die Moral von der Geschicht…? Welche Botschaft schenkt die Heldin der Welt?

Ihr Rat, den Sie weitergeben?

 Vergessen Sie nicht, der Geschichte einen Titel zu geben.

 Exkurs Memoir

Wer mehr und länger schreiben will: Ein Memoir ist nicht die Geschichte Ihres Lebens, sondern EINE Geschichte aus Ihrem Leben. Und Sie müssen sie nicht veröffentlichen, aber Sie können sie natürlich beim Literaturwettbewerb einreichen.

Klassische Memoirs: z.B. die Geschichte einer Trennung und was danach kam (Eat pray love) oder wie eine Frau z.B. eine Krebserkrankung überwunden hast mit dem etwas unglücklichen Titel: (Die Krebsflüsterin). Unorthodox ist auch ein gutes Beispiel für ein Memoir.

 Beste Grüße, Sudi

 

 

 

 

 

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Wie will ich mich fühlen?

Wir erschaffen unsere Welt selbst: Der Blogartikel meiner Co-Autorin Lisa Sintermann zeigt, wie wir jeden Tag uns mit-entscheiden, wie wir uns fühlen. Lisa beschreibt aus ihrer Yogapraxis einfache Übungen, die wir im Alltag -auch ohne zu wissen, dass es Yoga ist-, ausprobieren können: Mit einer aufrechten Haltung nutzen wir die Wechselwirkung von Körper und Psyche… Ganz einfach…

Lisas Lieblingsübersetzungen von Yoga sind „geschicktes Handeln“ (Bhagavad Gita) und „Die Zügel in die Hand nehmen“ (Anna Trökes). Hier geht es zu Lisas Artikel:

http://yogaundschreiben.de/sich-gut-fuehlen-ist-eine-entscheidung/

Auch beim Schreiben nehmen wir mit dem Stift die Zügel unseres Lebens in die Hand.

Dabei kann allerlei passieren: Ich hatte mit der Tochter von Bekannten geschrieben, ursprünglich mit dem Ziel (der Eltern), dass sie in Berlin besser ankommt und verarbeitet, was sie am Studium hindert; als sie dann sah, was auf dem Papier stand, brach sie ihr Studium ab und geht jetzt einen beruflichen Weg, der besser zu ihr passt.

Ihr Schreiben war eine Art Dialog zwischen Verstand und Bauchgefühl und irgendwann entschied sie dann, sich gut fühlen zu wollen. Nicht nur von Moment zu Moment, sondern ihre gesamte Lebenshaltung darauf auszurichten, was sie selbst möchte.

Für mich brachte das ziemlich viel Aufwand mit sich, es ging um einen Umzug etc. – aber auch da zeigte sie, dass sie in der Lage ist, für sich zu sorgen. Vielleicht hat sie auch gelernt, sich schreibend dauerhaft zu begleiten – mal sehen! Ich wünsche es ihr.

 

 

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