Archiv der Kategorie: Stories aus den Workshops

Kreative Schreiber / Urania

Texte, entstanden in der URANIA am 21. November 2011

Bei der Urania-Veranstaltung war ich beeindruckt: Was für eine Atmosphäre, wenn plötzlich Ruhe im Kleistsaal herrscht und alle Besucher schreiben!

Schreibanlass war: ‚Berlin im November‘: Was steckt gerade in meinem Kopf?‘ Vorgegeben hatte ich ein Wortgitter, in das sechs Begriffe gestellt werden sollten: Zwei Nomen, zwei Verben, zwei Adjektive. Danach gingen diese Worte als Impuls an den Nachbarn, der daraus einen Text verfasste.  Einige Besucher waren bereit, uns ihre Texte vorzustellen und sie zu lesen. Leider habe ich diese Texte noch nicht zur Verfügung, aber zwei andere sind bei mir angekommen. Ich lasse diese Beispiele ohne Kommentar stehen, denn sie sprechen für sich. Beide könnten der Beginn einer längeren Erzählung sein…

dunkel       TÜV      müde      Nebel       Geburtstag       schlafen

„Es war dunkel,  als ich,  müde und abgeschlagen, mit dem Auto vom TÜV über Brandenburgische Alleen durch den Nebel nach Hause fuhr. Ich war rechtschaffen müde und hatte nun vor, früh schlafen zu gehen. Als ich aus dem Badezimmer kam und mich gerade ins Bett legen wollte, wurde mir bewusst, dass ich ungeheuer allein war – und dass ich heute Geburtstag hatte…“

Kälte      Asphalt     Autos     Lichter     Nebel      grau

„Die Kälte kriecht über den Asphalt. Alle Autos sind durch den TÜV gekommen. Die Lichter stören mich, ich finde den grauen Nebel viel schöner,  so wie er ist.“

Falls ich Fehler eingebaut haben sollte, bitte ich um Entschuldigung, ich habe die Texte so verstanden und so gefallen sie mir auch. Es ist Kennzeichen des Kreativen Schreibens, dass man sich über  ‚Anweisungen‘ einer Schreibgruppenleiterin auch hinwegsetzen kann – es können auch mehr Nomen sein als ursprünglich angefordert!

Was die Beispiele ‚live aus der Urania‘ zeigen: innerhalb von 5 Minuten kann man so mit Hilfe eines Schreibimpulses ins Schreiben kommen.

Wer weitere Texte und Beispiele hat, darf sie gerne hier einstellen!
Mails an s.diehm@schreiberlebnis.de erreichen mich.

Herzlichen Gruß,
Ihre Susanne Diehm

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Das Klavier und der Eiswürfel

Besonders gefreut hat mich, dass nicht nur bei der Veranstaltung in der Urania Texte entstanden sind,  sondern auch danach. Günter Kranz hat eine Anregung von mir aufgegriffen: Ich sagte, man könne über alles schreiben, zum Beispiel auch einen Dialog zwischen … einem Eiswürfel… und einem Klavier! Prompt hat er ihn geschrieben, diesen Dialog,  und ich finde, das ist ihm wunderbar gelungen. Mit wem identifizieren Sie sich: Mit dem kleinen Eiswürfel, der dahin schmilzt, aber zufrieden ist mit seinem Leben, oder mit dem Klavier, das für höheres geboren scheint?

Das Klavier und der Eiswürfel. Ein Dialog.

Klavier: Du machst einen frostigen Eindruck! Was ist denn los?
Eiswürfel: Die Party ist vorbei! Und ich liege allein in diesem nassen Kübel. Ich wäre lieber in einem hochprozentigen Drink gelandet, aber es ist niemand mehr da, der trinken will. Pech gehabt! Na ja, vielleicht beim nächsten Mal!
Klavier: Pech? Sei doch froh, dass du nicht von einem dieser grässlichen Menschen geschlürft worden bist! So bleibt dir noch ein wenig mehr Zeit zum Leben. Doch, was sage ich, Zeit zum Leben! Du liegst da und schwitzt und wirst verschwunden sein, ehe die Sonne aufgeht. Ich beneide dich nicht, kaum bist du erschienen, musst du schon wieder vergehen. Ob im Glas oder im Kübel, das ist ja wohl einerlei.
Eiswürfel: Hast du eine Ahnung! Ich liebe es, wenn die Gläser überschwappen von hochprozentigen Getränken, ich liebe es, mich im Rausch des Alkohols langsam zu verlieren. Herrlich!
Klavier: Jedenfalls hat keiner dich angerührt!
Eiswürfel: Was du nicht sagst! Und wer hat heute die Musik gemacht? Wer hat dich denn beachtet, geschweige denn berührt? Niemand. Sie haben Musik von der Scheibe vorgezogen, lauten Hiphop statt romantischer Etüden!
Klavier: Du hast recht, aber wer kann denn heute noch Klavier spielen? Doch wie dem auch sei! Ich bin froh, wenn sie mich in Ruhe lassen! Mit dir möchte ich jedenfalls nicht tauschen! Hier stehe ich und werde noch stehen, wenn Generationen von Eiswürfeln geschmolzen sind. Nein, ich bin zufrieden mit meinem Leben. Gut, ein Leben als Flügel, das würde mir besser gefallen! Stell dir vor, ich wäre ein Steinway, groß und glänzend, und ich stünde in
einem schicken Salon mit goldgewirkten Vorhängen und persischen Teppichen. Oder in einem großen Konzerthaus! Na ja, ich bin trotzdem zufrieden! Klavier sein genügt mir.
Eiswürfel: Ich verstehe, was du meinst! Du magst dein statisches Leben, es gibt dir Sicherheit, immer und ewig am selben Platz zu stehen. Es schmeichelt dir, wenn ab und zu ein Stümper auf dir herum klimpert. Du genießt es, wenn du poliert wirst, und wenn ab und zu der Typ mit dem Werkzeug kommt und dich stimmt, dann ist für dich doch ein Festtag, oder nicht? Stimmen! Allein dieses Wort! Du stimmst nicht aus dir selbst, du musst erst gestimmt werden! Und du bist unzufrieden, weil du gerne etwas noch gewichtigeres und noch bedeutenderes sein würdest. Ein Flügel! Ausgerechnet ein Flügel! Flügel, der
Inbegriff der Leichtigkeit und Eleganz! Mit Flügel assoziiere ich Adler, Taube, Schweben, auf Luft gleiten! Und du träumst von einem Leben als ein plumper Kasten, dessen Eigenschaften nichts mit alledem zu tun haben. Ein Kasten, der sein Gewicht Tag und Nacht, Jahr für Jahr in dasselbe Parkett desselben stickigen Zimmers presst. Was für ein Leben!
Klavier: Und du? Du bist doch ein Nichts, du hältst kaum eine Stunde, dann bist du weg. Ich möchte mit dir nicht tauschen, nein, wirklich nicht. Was soll an einer solchen Existenz interessant sein?
Eiswürfel: Gut, ich lebe nur für kurze Zeit, und heute habe ich meine Bestimmung nicht erfüllt. Schau, ich schmelze dahin, in kürzester Zeit werde ich ein Klecks Wasser sein und in den ewigen Kreislauf der Dinge zurückkehren. Und dann werde ich wieder geboren und beginne von vorn. Das macht mich froh! Doch du, du stehst da wie ein Klotz, stehst und stehst und langweilst dich. Und trauerst, dass du kein Flügel geworden bist. Sieh mich an, ich bin
zufrieden mit meinem Schicksal, ich will nichts sein als ein Eiswürfel, der, kaum dass er entstanden ist, wieder vergeht.
Klavier: Mir macht das Angst! Der Gedanke an das Vergehen, meine ich. Der macht mir Angst. Deshalb bin ich gerne hier. Mein Gewicht gibt mir Sicherheit. Ich will gar nichts erleben, wer weiß, was alles passieren könnte. Nein, ich bin zufrieden, dass ich hier stehe und dass ich meine Ruhe habe. Gut, ein Flügel zu sein, das wäre mein Traum, ein herrlicher schwarzer Flügel, dessen Klang durch die Wände des Hauses bis auf die Straßen klänge. Auf den die Gäste schauten, wenn sie ins Zimmer kämen. Vor dem der Meister mit geschlossenen Augen säße, mit verträumtem Gesicht, mit leichter Hand über die Tasten
gleitend. Niemals dürften diese grässlichen Kinder auf mir üben und mich quälen! Nun ja. Ich will nicht klagen. Als Klavier geht es mir gut. Mir kann so schnell nichts passieren, ich stehe hier und werde immer hier stehen.
Eiswürfel: Nun ja…
Klavier: Weißt du, es tut mir gut, mit dir zu sprechen! Du verstehst mich! Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein so anregendes, ja ich möchte fast sagen freundschaftliches Gespräch geführt zu haben. Ich könnte die ganze Nacht mit dir plaudern! Ich hoffe, du empfindest
das genau so! Eiswürfel? Eiswürfel?

Günter Kranz, Berlin

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Gute Reise!

Schreibimpuls: Über einen Gegenstand aus der Handtasche eine kleine Geschichte (10 min.) schreiben.

Gute Reise!               

Ich bin eine Straßenkarte und führe die Reisenden sicher durch Deutschland, Öster­reich und die Schweiz. Ich bin sehr praktisch in meinem Handtaschenformat: quadra­tisch, praktisch, gut! Gerade einmal zehn mal zehn Zentimeter groß und sogar ab­waschbar. Außerdem bin ich garantiert kein Dickmacher, sondern ein Werbe­geschenk der Firma Jokers, die mit billigen Büchern und mit dem Slogan: Gute Bücher restlos günstig wirbt. Auf mir ist ein Berg zu sehen mit niedlichen grünen Tannenbäumchen und drei gelben Wegweisern, die in die verschiedenen Literatur­sparten führen, so wie ich durch drei Länder. Kinder mögen mich wegen der bunten Farben und Frauen, weil ich, man kann es nicht oft genug wiederholen, so praktisch bin. In den ewig unaufgeräumten und aus allen Nähten platzenden Handtaschen kann ich mich ganz klein und unscheinbar machen. Alle Frauen, die ich kenne, ha­ben einen Tick: Mögen sie noch so ordentlich sein, in ihren Taschen herrscht ewiges Chaos. Das, was die meisten Männer mit allen Räumen, in denen sie sich bewegen, veranstalten, das konzentriert sich beim weiblichen Geschlecht auf die Handtasche. Warum wurde dieses Phänomen noch nie gründlich untersucht? Die Wissenschaft macht doch sonst vor keiner Banalität Halt.

Ich bin also eine Straßenkarte. Wer mein Erfinder war, kann ich nicht mit Bestimmt­heit sagen. Er war aber sicher nicht so ein „Stubenhocker“ wie der Mann, der mich in die Tasche der Schreiberin dieser Geschichte gebracht hat. Er muss ein Vertreter der nomadischen Spezies Mensch gewesen sein, nicht der Sesshaften, die sich nie weit von den Futtertrögen und Herdfeuern weg wagten. Ich stelle ihn mir wie einen dieser frühen Abenteurer vor, die es nie lange an einem Ort aushielten und in der ganzen Welt zuhause waren. Wie einen dieser Seeleute, die immer auf der Suche nach fer­nen, unentdeckten Ländern und Kontinenten waren.

Einer von ihnen hatte dann nicht nur zeichnerisches Talent und räumliches Vorstel­lungsvermögen, sondern auch die geniale Idee, alles für die Nach- und Mitwelt aufzuzeichnen und festzuhalten, was er erlebt hat und welche Orte ihm unter­wegs begegnet waren. Er hatte in seinem rast- und ruhelosen Dasein genug vom ewigen Unterwegssein, sehnte sich nach Weib und Kind und danach, ihnen zu er­zählen und zu zeigen, wo er gewesen war und wie es dort aussah. Aus dem Noma­den war ein Hüttenmensch geworden. Seine kleinen Ableger zog es später wiederum in die Welt hinaus, um das Werk ihres Altvorderen zu vollenden.

Herausgekommen bin ich dabei: eine Straßenkarte, eines der nützlichsten Gegen­stände, die je ein Mensch erfunden hat. Nützlicher noch als die Uhr, die gemeinhin für unverzichtbar gehalten wird, die aber in meinen Augen nur Knechtschaft über die Menschheit brachte, während ich doch ein großes Freiheitsversprechen in mir trage. Nicht wahr? Schaut doch nur einmal in mich hinein und schon macht eure Phantasie Sprünge. Die Ferne lockt und das Abenteuer. Wenn ihr genug davon habt, dann sucht euch einfach eine wärmende Hütte. Und eine gute Frau! Ihr wisst doch: Frauen lieben Herumtreiber.

Cornelia Rößler

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Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ge Mädchen sah

Noch eine Geschichte von Cornelia Rößler, dieses Mal setzt sie den Anfang einer Geschichte fort… wer merkt, ab wann Cornelia Rößler die Zeilen von Haruki Muarakami weiterführt?


Schreibimpuls: Textbeginn vorgegeben, Setze die Geschichte fort… 20 min.

Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ge Mädchen
sah (von Haruki Muarakami)

Eines schönen Morgens im April komme ich auf einer kleinen Seitenstrasse in Harajuku an dem 100 %igen Mädchen vorbei.

Ehrlich gesagt, ist sie nicht besonders hübsch. Sie ist weder besonders auffällig, noch ist sie schick gekleidet. Ihre Haare sind hinten vom Schlaf verlegen. Sie ist nicht mehr jung. So an die dreißig wird sie sein, nicht eigentlich ein Mädchen. Aber trotzdem weiß ich schon aus fünfzig Meter Entfernung: Sie ist für mich das 100 %ige Mädchen. Bei ihrem Anblick dröhnt es in meiner Brust, und mein Mund ist trocken wie eine Wüste.

Vielleicht gibt es einen bestimmten Typ Mädchen, der dir gefällt, mit schmalen Fesseln zum Beispiel oder großen Augen, vielleicht stehst du auf schöne Finger oder fühlst dich, warum auch immer, von Mädchen angezogen, die sich beim Essen viel Zeit lassen. Dieses Gefühl meine ich. Auch ich habe natürlich meine Vorlieben. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich im Restaurant gebannt auf die Nase des Mädchens am Nachbartisch starre.

Aber den Typ des 100 %igen Mädchens kann keiner definieren. An die Form ihrer Nase kann ich mich gar nicht erinnern. Ich weiß noch nicht einmal mehr, ob sie überhaupt eine hatte. Ich weiß nur, dass sie keine nennenswerte Schönheit war. Irgendwie seltsam.

„Gestern kam ich an dem 100 %igen Mädchen vorbei“ erzähle ich jemandem.
„Hm“, antwortet er, „war sie hübsch?“
„Nein, das nicht.“
„Also dein Typ.“
„Ich weiß es nicht mehr. Ich erinnere mich an nichts. Weder an die Form ihrer Augen, noch daran, ob sie große oder kleine Brüste hatte.“
„Das ist sonderbar.“
„Ja, es ist sonderbar“
„Na und“ sagt er scheinbar gelangweilt, „hast du was gemacht? Hast du sie angesprochen, oder bist du ihr nachgelaufen?“ ….
„Nein, ich bin ihr nicht nachgelaufen.“ Ich habe sie nur aufmerksam und gleichzeitig mit der gebotenen Zurückhaltung angeschaut. Dabei habe ich deutlich gespürt, wie verlegen ich war, als ich sie zaghaft, beinahe schüchtern, anlächelte,“ sprach ich weiter.

„Du musst wissen, es ist immer die Frau, die den Mann erwählt“, setzte ich noch hinzu.

Er schaute mich fragend an. Ich berichtete ihm dann noch, wie es weiterging: wie sie es war, die mich schließlich ansprach.

Es war ein banaler Satz: „Wissen Sie zufällig, wie ich zum Yukoshima-Markt komme?“ Ich erklärte ihr den Weg und nahm meinen ganzen Mut zusammen als ich ihr anbot, sie dorthin zu begleiten, weil auch ich dort noch einige Besorgungen zu machen hatte.

Unterwegs unterhielten wir uns angeregt. Auf dem ungefähr zehn Minuten dauernden Weg erfuhr ich viel von ihr. Ich wusste, wie sie lebte, wo sie aufgewachsen war, dass sie aus einer großen Familie stammte und sich vor kurzem von ihrem langjährigen Freund getrennt hatte. Auch machte sie keinen Hehl daraus, dass sie darüber noch sehr unglücklich war.

Sie war eine großartige Erzählerin. Ihre Stimme hatte einen hellen, melodischen Klang. Die Worte wählte sie mit Bedacht. Sie erzählte aber nicht nur fesselnd, sondern stellte auch die richtigen Fragen und hörte aufmerksam zu.

Nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, sie schon ewig zu kennen. Deshalb war ich auch gar nicht verlegen, als ich sie fragte: „Wie sieht in ihren Augen der 100%ige Mann aus?“ Sichtlich irritiert gestand sie mir, dass sie sich diese Frage noch nie gestellt hatte. Ausgerechnet sie, die sich doch sonst über alles so viele Gedanken machte.

Ich sah ihr an, dass sie weit ausholen musste. Wahrscheinlich dachte sie jetzt über ihren Vater, ihre Brüder und ihre ehemaligen Freunde nach.

Vielleicht stellte sie sich folgende Fragen: Waren darunter je 100%ige Männer gewesen? Hatten sie ihr wenigstens zu 90% gefallen?

Nach einer ungewohnten Weile des Schweigens, kam es fast einem Geständnis gleich, als sie antwortet: „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Kein Mann hat mir je 100% gefallen. Alle hatten ihre Vorzüge und Nachteile.“

Und sie setzte fort: „Aber, wenn ich es mir so recht überlege, dann muss der Anfang ein wenig sein, wie die Begegnung mit ihnen. Man trifft sich zufällig, man schaut sich in die Augen, man wendet sich einander zu, legt alle Schüchternheit ab, vergisst die früheren Verletzungen und geht ein Stück des Wegs gemeinsam. Und, wenn man sich nicht mehr trennen, sondern nur noch berühren möchte und sich nicht vorstellen kann, je damit aufhören zu wollen, dann ist zumindest die Hoffnung groß, dass es der 100%ige Mann sein könnte.

Noch nie zuvor hatte ein Mädchen so offen und wahr gesprochen mit ihm, einem Mann, der sich selbst noch nicht einmal zu 50% leiden konnte, der sich immer nur als unvollkommenes Mängelwesen betrachtet hatte. Nicht groß genug, nicht stark genug, nicht reich genug, nicht erfolgreich und auch nicht klug genug, um eine Frau auf Dauer beeindrucken zu können. Einer, durch den die Frauen hindurchschauten wie durch Glas.

Blitzartig schoss ihm der Gedanke durch den Kopf: Vielleicht sind auch wir immer nur 50%-Wesen. Zu einem 100%igen Menschen werden wir erst durch den, der uns liebt.

Cornelia Rößler

In diesem nächsten Beitrag wandert die Autorin gedanklich vom Krimi bis hin zur Familiensaga; obwohl die Autorin zwischendurch in andere Regionen schweift, kann der Leser kann ihren Gedanken gut folgen, denn sie nimmt ihn mit auf die Reise…

Für die Krimiwelt verloren

Meine Jugendliebe schreibt Bücher. Kinderbücher, Sachbücher und neuerdings auch Krimis. Schlachthofsymphonie, diesen blutigen Titel gab er seinem Erstling. Eingeschworene Krimifans werden diesen Titel mögen. Wenn ich hingegen das Wort Schlachthof nur höre, dreht sich mir der Magen um. Erst recht, seitdem ich in der Reportage „We feed the world“ erfahren habe, wie das Fleisch auf unseren Teller kommt.
Natürlich lese ich sein Buch, obwohl ich keine Krimis mag. Die Geschichte zieht mich rasch in ihren Bann, ist sie doch flott geschrieben und spielt in meiner alten Heimat: in Aschaffenburg, einer Kleinstadt im nordwestlichen Zipfel Bayerns. Allein der vertraute Klang der erwähnten Straßen, Plätze, Lokale und Namen elektrisiert mich. Spätestens nach dem ersten Drittel kann ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die Handlung, obwohl komplex angelegt, erzählt sich flink.
Richard Rose, ein Münchner Kommissar, einsam und leidend, weil gerade von Frau und Tochter verlassen, wird in die Provinz versetzt, um ein grausames Verbrechen aufzuklären. Der örtliche Schlachthofdirektor wurde auf schauerliche Weise umgebracht, abgeschlachtet wie ein Stück Vieh. Während Roses Aufenthalt in der idyllischen Kleinstadt, die sich schnell als Sündenbabel entpuppt, sinniert er fortwährend über seine zerbrochene Ehe, deckt darüber einige weitere Morde auf und lässt sogar einen international operierenden Kinderpornoring hochgehen. Der Plot hat es in sich und könnte ebenso in Venedig oder Florenz spielen. Dann wäre ihm ein großer Leserkreis gewiss.
Im letzten Krimi, den ich las, spielt meine Heimat ebenfalls eine wichtige Rolle. Der Ort, an dem das Verbrechen seinen Anfang nahm, heißt Amorbach. Auch so ein Ort, in den mich in meiner Jugendzeit – nomen est omen – die Liebe führte. Die Krimiautorin hat es inzwischen zu großer Bekanntheit gebracht. Sie beschreibt einen vom Ehrgeiz zerfressenen Gymnasiallehrer, der die Seele seiner Tochter zerstört. Er macht aus ihr eine Intelligenzbestie – im wortwörtlichen Sinne. Sie wird zu einer blutrünstig mordenden „Hirnkönigin“. Die meisten Verbrechen begeht sie in Berlin, der Stadt, in der ich heute lebe.
Die Autorin, Thea Dorn (ihren Künstlernamen verdankt sie einem Vertreter der Frankfurter Schule), bewunderte ich einmal sehr. Doch seit sie emanzipierte Frauen wie eine Luxuswagen-Serie anpreist und als Angehörige der so genannten neuen F-Klasse eine gnadenlose Selbststilisierung als kinderlose Frau vornimmt, hat meine Begeisterung etwas nachgelassen.
Immer diese einsamen, tragischen Helden! Stets gezwungen, in menschliche Abgründe zu blicken, pausenlos dem Bösen auf der Spur. Warum muss dieser sympathische Kommissar Rose fortwährend das Scheitern seiner Ehe beklagen, dabei mit aller verbliebenen Energie ein höchst kompliziertes Knäuel aus Mord, Intrigen, Missbrauch und Abhängigkeiten aller Art entwirren, statt mit der gleichen Verve seine Ehe zu retten? Ein einsamer Held macht das nicht, im Roman nicht und nicht im Leben.
Früher tat ich das etwas verächtlich als Männerliteratur ab. Ich mochte Hesses Steppenwolf nicht und auch nicht Sartres Ekel. Dessen Erzählung Das Spiel ist aus öffnete mir eines Tages die Augen. Mir wurde plötzlich klar, was die Krankheit des Mannes ist: Selbstbezogenheit.
Immer ist es das noch nicht ausreichend entwickelte Selbst oder ein vermeintlich höheres Ziel, das den Mann von der Liebe zur Frau, zu seinen Nachkommen, abhält. Verzweifelt auf der Suche nach Nähe, schreckt er gleichzeitig vor ihr zurück. Zugegeben, das ist nicht allein ein Männerproblem. Seit immer mehr Frauen Krimis schreiben und auch sonst in allen Lebensbereichen wie Männer sein wollen, greift diese Krankheit zusehends auf das bindungsorientierte Geschlecht über.
Möglicherweise ist das überhaupt die Kehrseite einer falsch verstandenen Individualisierung. Freiheit, Selbstverantwortung und Unabhängigkeit werden nicht mehr im Kontext eines gesellschaftlichen Auftrags begriffen. Sie werden internalisiert, wie die Psychologen sagen. Die Menschen sind frei, aber sie wissen nicht wozu. Sie sind verantwortlich, aber wissen nicht wofür.
Seelische Störungen beschränken sich bedauerlicherweise nicht auf die Krimiwelt. Im wirklichen Leben begegnen sie uns ebenso auf Schritt und Tritt. Ihre Begleiter sind Einsamkeit und Verzweiflung, hervorgerufen durch eine tiefe Bindungsangst. Jemand hat einmal gesagt, Angst, Gier und Hass – der Stoff also, aus dem Krimis sind – seien Merkmale des verzweifelten Menschen.
Schuld daran sind auch die Mütter. In uns ist die Märchen- und Mythenwelt genauso tief verwurzelt und lässt uns nicht aus ihren Klauen. Wartet nicht auf die schöne, aber vom Leben gebeutelte Prinzessin am Ende der einsame Retter – ein Held, ein Prinz, ein Ritter? Im wirklichen Leben folgt allerdings dem Happy End, also dem erfolgreichen Abschluss der Werbungsphase, häufig die Ernüchterung. Der Prinz erweist sich rasch als Scharlatan und wird daraufhin vom Thron geschubst. Dumm nur, wenn aus einer solchen Verbindung bereits ein neuer Prinz hervorgegangen ist. Dann wird der Sohn anstelle des Vaters zum Retter erkoren. Der nächste tragische Held hat das Licht der Welt erblickt. Versorgt mit dem unerfüllbaren Auftrag seiner Mutter Herzeleid sucht er zeitlebens einsam den Gral, verlässt seine Elsa und so weiter und so fort. Das spült Geld in die Kassen der Psychotherapeuten.
Bindet euch, lautet ein bewährtes Therapiekonzept. Sorgt euch um andere und nicht ausschließlich um euch selbst. Den Wissenschaftsgläubigen unter uns bietet sich beispielsweise eine Erklärung an, wonach die Ursachen von seelischen Störungen häufig auf Hyperreflexion zurückzuführen und durch Selbsttranszendenz zu überwinden seien. Vereinfacht ausgedrückt: Hört mit dem Grübeln auf und richtet eure Aufmerksamkeit auf ein äußeres Ziel: Auf ein Werk, auf die Liebe, auf das Schöne zum Beispiel.
Ein kluger amerikanischer Psychologe hat noch eine andere Idee parat: Leistet der Evolution statt der Entropie Vorschub. Damit meint er, dass wir unser Augenmerk auf die (Höher-)Entwicklung des Menschen richten sollen statt mit unserem Handeln Kriege, Leid und Chaos in die Welt zu tragen.
Frauen haben es da zugegebenermaßen leichter. Aller von Mensch und Natur angerichteten Zerstörung trotzen sie mit einer vergleichsweise intensiven Brutpflege. Weil Frauen zur Hingabe an Mann und Kinder fähig sind, verdanken wir in erster Linie ihnen das Überleben unserer Spezies.
Vielleicht macht das für mich den Reiz von Büchern wie Hundert Jahre Einsamkeit, Das Geisterhaus oder La Storia aus. Deren Botschaft lautet: Es kommt nicht so sehr auf den einzelnen an, jeder lebt in der nächsten Generation fort und jede Generation bringt interessante Gestalten hervor. Der einzelne, hält er sich auch noch sehr für den Nabel der Welt, verschwindet im Meer der Generationen.
Ich erinnere mich. Verliebt lauschte ich einst meiner Jugendliebe, einem jungen Mann, der so unvergleichlich von den Schrullen seiner weitläufigen Verwandtschaft berichten konnte. Seine skurrilen Erzählungen haben mich stets aufs Neue fasziniert. Eine Familiensaga, ja, das wäre ein Buch nach meinen Geschmack.

Cornelia Rößler

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